28.02.2026 08:00
Dienstags trifft sich das Dorf
Seit Anfang Jahr ist das Projekt Generationen-Treff in Berlingen gestartet - mit grossem Erfolg
Was tun, wenn Beizen verschwinden und der Dorfladen schliesst? In Berlingen entstand aus dieser Frage etwas Neues. Ein Generationentreff, der nicht als Papierkonzept geplant wurde, sondern aus dem Bedürfnis nach Gemeinschaft wuchs. Mitinitiiert von Heinz Kasper und getragen von Menschen, die ihr Dorf aktiv mitgestalten wollen.
Berlingen Eigentlich stand am Anfang ein Auftrag für ein Alterskonzept. Jolanda Lenherr, zuständige Gemeinderätin für Soziales und Gesundheit sowieSchulpräsidentin,erhielt vom Gemeinderat den Auftrag, sich Gedanken zur Zukunft älterer Menschen im Dorf zu machen. Auch Heinz Kasper war beteiligt. Doch schnell wurde klar, dass Berlingen weniger ein weiteres Dokument braucht als vielmehr konkrete Begegnung. «Wir wollten keinen Papiertiger schaffen, der verstaubt», sagt Heinz Kasper. «Unshatinteressiert,waswir schonhabenundwaswirklichfehlt.» Was vorhanden war, konnte sich sehenlassen: einstarkesNetz vonFreiwilligen, funktionierende Fahrdienste, Mahlzeitendienste und Nachbarschaftshilfe. Während der Corona-Zeit zeigte sich, wie gut dieses Netzwerk trägt. Was fehlte, war ein offener Ort für regelmässige Begegnung. Die Erinnerung an einen früheren Mittagstisch brachte die Idee zurück, jedoch grösser gedacht und für alle Generationen offen. Im Foyer der Unterseehalle fand im September 2025 ein erstes Treffen statt. 45 Menschen kamen. Statt ein fertiges Programm zu präsentieren, stellte man eine einfache Frage: Was wollen wir gemeinsam machen? «Wir wollten nichts von oben vorgeben. Die Leute sollten selbst mitreden, sich einbringen», erzählt Kasper.«Besservonuntennachoben als umgekehrt.» Aus den Vorschlägen entstand eine klare, einfache Struktur. Jeden Dienstagnachmittag ein offenes Treffen, dazu einmal im Monat eine gemeinsame Aktivität.
Tolles Programm
Bisherfand ein Fondueplausch statt, bei dem eine 26-Jährige und ein 99- Jähriger am gleichen Tisch sassen. Weitere Aktivitäten sind bereits geplant und werden in den kommenden Monaten umgesetzt. Vorgesehen sind unter anderem Besuche im Saurer Museum, RebbergRundgänge mit einem Winzer, Besichtigungen der Abwasseranlage, Dorfrundgänge sowie ein Line Dance-Schnupperkurs. Die Dorfschule Berlingen beteiligt sich ebenfalls am Generationen-Treff. Sie organisiert zweimal jährlich ein Dorfcafé und lädt die Generationen im Mai zum Theater ein. Auch Kooperationen mit Vereinen und kulturellen Institutionen sind in Vorbereitung. «Wenn man zusammen ist, kommt man automatisch ins Gespräch. Das verbindet», sagt Kasper. Information und Austausch Der Generationentreff versteht sich nichtnuralsOrtderBegegnung, sondern auch als Plattform für Information.ZuBeginneinzelnerTreffengibt es kurze Einstiege mit aktuellen Themen aus dem Dorf oder der Region. Soübernahmunter anderemUeli Oswald, Gemeindepräsident von Berlingen, einen dieser Einstiege undberichteteüberlaufendeProjekte und Entwicklungen. Ziel ist es, auch jene Menschen zu erreichen, die vielleicht keine Gemeindeversammlungen besuchen, aber dennoch informiert bleiben wollen. «Wir möchten die Leute auf dem neusten Stand halten», erklärt Kasper. «Nicht jeder geht an eine Versammlung, aber hier hört man, was im Dorf läuft.» Der Generationentreff ist dabei kein offizielles Hilfsangebot und genau darin liegt seine Stärke. Niemand muss etwas vorweisenoderbegründen.Mankommt einfach vorbei. «Niemand kommt mit dem Ziel, Probleme zu lösen. Aber wenn jemand Unterstützung braucht, ergibt sich das von selbst.» Ob Hilfe am Computer, Fragen zur Steuererklärung oder kleine Alltagssorgen – jemand kennt immer jemanden, der weiterhelfen kann. Aus diesen Gedanken heraus und nach einem Austausch unter den InitiantendesGenerationen-Treffs,wirdab März 2026 in Berlingen niederschwellig auch die Nachbarschaftshilfe ausgebaut. Auch hier gilt: Generationenübergreifend soll einander geholfenundHilfesuchendeund Hilfeanbietende miteinander vernetzt werden. Auch Menschen mit wenig sozialem Anschluss werden aktiv angesprochen. Bestehende Fahrdienste helfen bei Mobilitätseinschränkungen.
DerZugangistbewusstniedrig gehalten, ohneAnmeldung und ohne Verpflichtung. Für Kasper ist klar, was dahintersteht: «Ein gutes Leben braucht gesunde und aktive Menschen, aber vor allemsozialeBeziehungen.OhneKontakt wird alles andere leer.» Heute entstehen neue Freundschaften, generationenübergreifende Gespräche und neue Verbindungen im Dorf. Menschen, die sich lange nur vom Sehen kannten, sitzen nun bewusst zusammen. Was in Berlingen entstanden ist, ist kein Projekt mit Enddatum. Es ist ein sozialer Raum, der mit jedem Dienstag weiter wächst und das Dorf ein Stück näher zusammenbringt.
Von Desirée Müller