15.10.2026 00:00
Der sinkende Bodenseepegel zwingt uns zum Umdenken
«Sollte das Jahr 2026 die neue Normalität werden, gehen grosse Uferbereiche verloren», Heinz Ehmann Leiter Abteilung Gewässerqualität und -nutzung
Sinkende Pegelstände und trockene Ufer machen deutlich, wie stark der Klimawandel den Wasserhaushalt der Bodenseeregion herausfordert. Was, wenn der Bodensee auch in den kommenden Jahren auf tiefem Niveau bleibt? Die Folgen beträfen Schifffahrt und Tourismus ebenso wie die ökologisch sensiblen Uferzonen und ihre Pflanzenwelt. Welche langfristigen Herausforderungen drohen – und wie müssen wir künftig mit der Ressource Wasser umgehen? Heinz Ehmann, Leiter Abteilung Gewässerqualität und -nutzung erklärt in diesem Interview, welche Folgen die Trockenheit für Natur und Schifffahrt hat – und weshalb wir künftig anders mit Wasser umgehen und es besser in der Landschaft speichern müssen.
Heinz Ehmann, wie viel Wasser fehlt dem Bodensee derzeit tatsächlich? Lässt sich das Defizit in Litern beziffern?
Am 9. Oktober lag der Pegel des Obersees 86 Zentimeter unter dem Median der Referenzperiode 1991 bis 2020, das heisst 50 Prozent der bisher an einem 9. Oktober gemessenen Pegelwerte lagen höher und 50 Prozent tiefer. Bei einer Fläche von 473 Quadratkilometer ergibt das ein Volumen von ca. 407 Millionen Kubikmeter Wasser, das im Obersee fehlt. Im Untersee lag der Pegel am 9. Oktober 121 Zentimeter unter dem Median. Bei einer Fläche von 63 Quadratkilometer ergibt sich ein Wasservolumen von ca. 76 Millionen Kubikmeter, das fehlt. Grob abgeschätzt fehlen den beiden Seeteilen somit rund 500 Millionen Kubikmeter Wasser. Der «Südkurier» kommt auf 562.8 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Differenz kommt daher zustande, dass Deutschland den Mittelwasserstand (Mittelwert der Jahre 1. November 2006 bis 31. Oktober 2015) anders definiert und sich ihre Daten nicht auf den 9. Oktober 2026 beziehen.
Es hat die letzten Tage etwas geregnet. Wie viel Niederschlag braucht es im Herbst und Winter aber wirklich, damit sich der Bodensee wieder füllt?
Diese Frage lässt sich nicht mit einer konkreten Zahl beantworten. Der Bodensee hat ein Einzugsgebiet von rund 11'500 Quadratkilometer. Die Niederschläge werden nicht gleichmässig über das gesamte Einzugsgebiet fallen. Auch hängt es davon ab, wie die Niederschläge fallen. Sind sie eher intensiv und über eine kürzere Zeitdauer, dürfte der Anteil des Niederschlagswassers, der direkt in die Flüsse gelangt, etwas grösser sein als bei langanhaltenden Niederschlägen (Landregen), wo eine grössere Menge im Boden versickert. Die langanhaltende Trockenheit hat den Untergrund austrocknen lassen und die Bodensättigung ist entsprechend gering. Auch ist zu berücksichtigen, dass ein Teil der Niederschläge in höheren Lagen als Schnee liegen bleiben dürfte. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sehr viel Regen braucht, um die vorherrschende Trockenheit und die tiefen Pegelstände zu kompensieren.
Wie realistisch ist es, dass sich der Wasserstand bis zum Frühjahr 2027 normalisiert? Oder müssen wir damit rechnen, dass der See auch dann noch deutlich zu wenig Wasser führt?
Auch diese Frage lässt sich so nicht beantworten. Es hat in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Niederschlagsereignisse im Juli, August oder auch im November gegeben, bei denen der Pegel innert ein paar Tagen um rund 60 bis 80 Zentimeter gestiegen ist. Vor allem im Herbst / Winter sind solche Ereignisse jedoch eher selten, da ein Teil der Niederschläge als Schnee liegen bleibt.
Was passiert, wenn auch der kommende Winter schneearm und trocken ausfällt? Könnte der Bodensee im Sommer 2027 einen noch tieferen Wasserstand erreichen als heute?
Wenn der kommende Winter trocken und schneearm ausfällt, dürfte der Bodensee im Sommer 2027 einen noch tieferen Wasserstand erreichen.
Welche langfristigen Folgen für die Natur und die Wirtschaft, hat die aktuelle Niedrigwasserperiode für den Untersee und welche, wenn es 2027 so weitergeht?
Wenn das Jahr 2026 ein eher selten auftretendes Ereignis bleibt, wird sich die Natur wieder erholen. Sollte das Jahr 2026 die neue Normalität werden, gehen grosse Uferbereiche verloren, da sie regelmässig trockenfallen und zum Beispiel für Fische nicht mehr als Brut- und Aufwuchsgebiete zur Verfügung stehen. Generell wird die Fläche für aquatische Ökosysteme kleiner werden. Ökosysteme werden insbesondere im Uferbereich weiterhin strapaziert werden, über die Zeit kann eine Verschiebung der Artenzusammensetzung und sogar -vielfalt eintreten, zum Beispiel verlieren Wasservögel in trockengefallenen Schilfgürteln ihren Schutz vor Räubern.
Wie stark sind die Schifffahrt und die Häfen auf Schweizer Seite betroffen? Muss auch für 2027 mit Einschränkungen gerechnet werden?
Bei der Freizeitschifffahrt können einige Bootsstationierungsanlagen nicht mehr genutzt werden, da sie trockengefallen sind, bzw. der Wasserstand für teils Schiffe nicht mehr genügt. Auch wurde die öffentliche Schifffahrt eingeschränkt. Ob es auch im Jahr 2027 zu Einschränkungen kommt, lässt sich nicht beantworten, da wir die Entwicklung der Pegelstände nicht kennen.
Wie unterscheidet sich die Situation am Untersee von jener im Obersee? Welche Besonderheiten machen den Untersee anfälliger für tiefe Wasserstände?
Die Topographien der beiden Seeteile lassen sich nicht miteinander vergleichen. Der Obersee ist topografisch ein tiefer Voralpensee, während der Untersee ein «zerstückelter» (drei Teilbecken, Insel, Halbinsel) Flachwassersee ist. Der Uferbereich des Untersees nimmt im Verhältnis deutlich mehr Fläche ein als beim Obersee, verglichen mit der Gesamtfläche. Grundsätzlich unterscheiden sich die Auswirkungen der tiefen Wasserstände in beiden Seen nicht voneinander. Auch im Obersee sind grosse Uferflächen trockengefallen, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Gewässerökologie.
Müssen wir uns aufgrund des Klimawandels künftig häufiger auf solche Niedrigwasserstände einstellen?
Davon ist auszugehen. Als Folge des Klimawandels werden im Sommer die Phasen mit Trockenheit zunehmen. Ebenso werden die Winterabflüsse zunehmen, da als Folge der höheren Temperaturen im Winter weniger Schnee liegen bleibt. Dies wird dazu führen, dass die sommerlichen Hochwasserstände als Folge der Schneeschmelze geringer werden.
Was müsste in den kommenden Monaten passieren, damit sich die Lage deutlich verbessert – und welche Entwicklung würde Sie mit Blick auf 2027 besonders beunruhigen?
Es bräuchte sehr viel Regen, um die vorherrschende Trockenheit und die tiefen Wasserstände zu kompensieren. Beunruhigen würde es uns, wenn die Niederschläge auch im kommenden Jahr ausbleiben würden.
Wie muss die Wasserpolitik, die über Jahrhunderte darauf ausgerichtet war, Wasser schnell abzuleiten und nasse Flächen trockenzulegen, heute neu gedacht werden, damit die Landschaft mehr Wasser speichern kann?
Hier gibt es bereits verschiedene Ansätze wie zum Beispiel das der Schwammstadt. Sie nimmt Regenwasser auf, speichert es und gibt es nach und nach wieder ab, statt es über Kanäle abzuleiten, wodurch Überschwemmungen verhindert und Städte bei Hitze gekühlt werden. Oder auch Schwammland. Regenwasser wird in Böden, Wäldern und Feuchtgebieten gespeichert, gibt es langsam wieder ab und schützt so vor Trockenheit, Überschwemmungen und den Folgen des Klimawandels.
Finden Sie, dass wir einen anderen Umgang mit Wasser brauchen? Also, muss sich die Politik in Zukunft (oder auch sofort) mit dem Thema befassen?
Wir werden zwar auch in Zukunft genügend Wasser haben. Allerdings bedarf es eines nachhaltigen und sparsameren Umgangs mit Wasser. Mit der kantonalen Trinkwasserversorgungsplanung und der kantonalen Brauchwasserversorgungsplanung stehen dem Kanton zwei Instrumente zur Verfügung, um diesen Herausforderungen entgegenzutreten.
Wie wird sich der Klimawandel langfristig im Bodenseeraum verändern? Sind Extremwasserstände wie Hoch- und Niedrigwasser weiterhin möglich?
Davon ist auszugehen. Gemäss den Klimaszenarien werden Extremereignisse zunehmen, davon wird auch die Bodenseeregion nicht verschont bleiben.
Interview: Angelina Rabener