In Frauenfeld wurde für ein Frauenhaus im Thurgau demonstriert.
02.04.2026 16:11
Stimmen werden immer lauter
Im Thurgau gibt es kein Frauenhaus - das soll sich ändern
Das feministische Streikkollektiv Thurgau rief zur Kundgebung in Frauenfeld auf. Deren Ruf folgten rund 100 Demonstrierende. Gefordert wird, dass im Thurgauer Parlament eine parteiübergreifende Motion verabschiedet wird. Diese soll die Regierung beauftragen, dass der Thurgau eine Mitträgerschaft für ein Frauenhaus übernimmt.
Frauenfeld Kurz vor neun Uhr werden Trillerpfeifen an die rund 100 Demonstrierenden verteilt. Eine Mutter setzt ihren beiden Sprösslingen einen Gehörschutz auf. Schnell wird klar: hier wird es laut werden. Und ob die Stimmen in der nächsten halben Stunde erhoben werden. Sie überschlagen sich sogar. Andere hingegen sind leise, zu leise. Der Verstärker muss hochgedreht werden. Ein Opfer sagt ein selbst geschriebenes Gedicht auf, das nachdenklich macht. Wie sie einem gierigen Karpfen den Bauch aufschneidet und ihm ihre Kinder wieder entreisst. Es ist viel Trauer, viel Wut da. Elisabeth vom Frauenhaus St. Gallen ruft mit Tränen in den Augen ins Mikrofon, dass es reicht. Dass sie chronisch überbesetzt sind mit hilfesuchenden Frauen. Dass sie Thurgauerinnen aufnehmen müssen oder sogar ein Hotel organisieren, wenn es keinen Platz gibt. «Und dann will der Thurgau nicht einmal zahlen dafür!», ruft sie mit mittlerweile heiserer Stimme. Der Thurgau hat eine Leistungsvereinbarung mit dem Frauenhaus Winterthur. Doch deswegen gibt nicht trotzdem bei weitem nicht genügend Plätze.
Ratsmitglieder schlichen sich vorbei
Nebst Wut dominiert das Entsetzen darüber, dass der Thurgau der einzige Kanton mit über 300'000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist, welcher über kein Frauenhaus verfügt. 1991 wurde bereits für mehr Schutzstruktur im Kanton demonstriert. «Und 35 Jahre später ist immer noch alles gleich», brüllt Fabienne Forster, OK-Mitglied des feministischen Streikkollektivs Thurgau, ins Mikrofon. Bei allen Reden gibt’s Zwischenrufe, Jubel und «Schämet Eu!» Parolen. Der Sämannsbrunnen ist nicht willkürlich als Austragungsort gewählt. Die Uhrzeit ebenfalls nicht. Die Kundgebung fand direkt vor der Sitzung des Thurgauer Grossen Rates statt. Es ist ein skurriles Bild, wie sich Grossrätinnen und Grossräte durch die Menge drängen. Einige bleiben stehen, machen sogar Fotos von sich mit den Parolenbanden im Hintergrund und werden von den Demonstrierenden bejubelt. Andere wechseln die Strassenseite oder vermeiden Blickkontakt und werden dementsprechend gerügt von den Versammelten. Robin Spiri, Kantonsrat Aufrecht Schweiz, bleibt die ganze Kundgebung über auf dem Platz. Schleicht hin und her. Die Kantonsrätin Elina Müller von der SP, Kreuzlingen ergreift sogar das Mikrofon. Ihr sei jetzt klar geworden, dass der Kanton Thurgau viel mehr für gewaltbetroffene Frauen machen müsse. «Es braucht mehr Ressourcen. Die Forderungen sind keine Wunschvorstellungen, es ist die Realität.» Mehr Täterarbeit, mehr psychologische Betreuung. Es ist eine geladene Stimmung, die aber auch viel Positives mit sich trägt.
Und dann sassen alle Thurgauer Grossrätinnen und Grossräte im Rathaus. Die Pfiffe verhallen, die Kinder toben nun ohne Kopfhörer um den Brunnen herum. Die Interpellation «Ermordet, weil sie Frauen sind! Im Thurgau – ein politisches Thema?» fand tatsächlich kein Platz und wurde wie bereits in der letzten Sitzung verschoben. Dafür wurde über die Abschaffung des Frühfranzösisch im Thurgau diskutiert.
Von Desirée Müller