19.02.2026 10:16
Vom Graffiti zur Stadtkultur
Murales im Thurgau zwischen Subkultur, Aufwertung und Qualitätsdebatte
Murales, also Wandmalereien, prägen zunehmend Städte und Gemeinden. Vom Auftragswerk am Stadthaus+ in Romanshorn von Dominik Rüegg bis zur international beachteten Wandgestaltung in Frauenfeld von Patrick Redl Wehrli zeigen aktuelle Projekte, wie Wandbilder den öffentlichen Raum verändern doch zeitgleich Diskussionen über Qualität und Wirkung auslösen.
Region Für Reto Müller, Leiter des Kunstraums Kreuzlingen, liegt der Ursprung der Murales klar in der Subkultur. «Wandbilder sind immer aucheineAneignungdesöffentlichen Raums. Oft verbunden mit Risiko, Eigeninitiative und der Bereitschaft,übermalt zuwerden», so Müller. Gerade diese Vergänglichkeit mache die urbane Kunst lebendig und dynamisch. Heute jedoch würden Murales zunehmendkuratiert,gefördertundals Auftragsarbeiten umgesetzt. «Das eröffnet neue Möglichkeiten, bringt aber auch Verantwortung mit sich.» Müller warnt davor, Wandbilder leichtfertig oder rein dekorativ einzusetzen. Wenn Murales zu Instrumenten des Standortmarketings würden oder ohne konzeptionelle Grundlage entstünden, verliere der öffentliche Raum an kultureller Tiefe. Deshalb plädiert erfür klare Qualitätskriterien, sorgfältige Bildauswahl und fachliche Begleitung. Vergleichbar mit Kunst-am-BauProjekten. «Öffentliche Fassaden prägen das Stadtbild über Jahre hinweg und sollten entsprechend bewusst gestaltet werden.»
Romanshorn als grosse Leinwand
Der St. Galler Künstler Dominik Rüegg – bekannt als Drü Egg – arbeitet seit Jahren mit grossflächigen Wandbildern im öffentlichen Raum. «Für mich liegt die besondere StärkevonMuralesdarin,dassKunstden Menschen direkt im Alltag begegnet. Sie muss nicht aufgesucht und bezahlt werden, sondern ist frei zugänglich, barrierearm und ständig präsent», so der 39-jährige Künstler.EinaktuellesBeispielist seinAuftragswerk im Rahmen des Projekt Stadthaus+ in Romanshorn. DasVolksagtevergangenenSeptember klarJa zu dem Vorhabenauf dem Sternenplatz. Als Einstimmung auf das Projekt konnte Drü Egg eine zuvor nüchterne Fassade einer städtischen Liegenschaft am Sternenplatz in einen markanten Blickfang verwandeln. Solche Arbeiten könnten, so Rüegg, Orte emotional aufladen und neue Identifikation schaffen. Wird das neue Stadthaus gebaut, wird sein Werk jedoch weichen müssen. Internationale Erfahrungen zeigten zudem, dass eine hohe Dichte an Murales ganze Quartiere nachhaltig beleben könne indem zuvor unbeachtete Flächen plötzlich Aufmerksamkeit und Aufenthaltsqualität gewinnen. Geld-Jobs und Charma-Jobs Die öffentlichen «Leinwände» sind nochrarimKanton.Stärkerzeigt sich der Trend laut Rüegg zur MuralenAuftragskunst im Innenraum. Klar definierte Briefings zur Gestaltung einer Wand hinter dem Empfangsbereich eines Startups zum Beispiel.
DochesgibtimmerwiederProjekte, welche Rüegg neu fordern: Aktuell arbeitet er an einem Projekt der Elektrizitätswerke Sirnach mit, welche einen Batteriespeicher künstlerisch verschönern wollen. «Es gibt Geld-Jobs und Charma-Jobs», sagt Rüegg und lacht. Die Balance zu finden, sei sein Ziel. Ein «Charma-Job» sei die Vermittlung von Kunst im Öffentlichen Raum bei Studierenden der Pädagogischen Hochschule Thurgau. «Das das Thema Platz in den Klassenzimmern findet, freut mich besonders.» Weltweit gefeiert Wie weit Murales aus dem Thurgau inzwischen ausstrahlen, zeigt das Beispiel von Patrick Redl Wehrli. Sein rund 20 mal 20 Meter grosses Werk am Gebäude von SIA Abrasives in Frauenfeld wurde für die internationale Wahl zum «Best Mural of the Year» nominiert. Auch wenn der Titel letztlich nicht gewonnen wurde, gilt die Nomination als grosser Erfolg für die Schweizer UrbanArt-Szene und unterstreicht die wachsende Qualität und Sichtbarkeit lokaler Projekte.
Wie Drü Egg liegt der Reiz bei ihm in der Tatsache, dass Kunst nicht hinter verschlossenen Museumstüren hängt. «Man sieht sie. Ob man will oder nicht». Dieserleicht subversive Charakter gehöre zur DNAder StreetArt. Gratwanderung zwischen den beiden Polen Murales werden als Instrument der Aufwertung wahrgenommen. Sie bringenFarbe ingraueZonen, schaffen Identität und machen Stadträume erlebbarer. Gleichzeitig bleiben sie umstritten. Während einige sie als kulturelle Bereicherung feiern, empfinden andere sie als dekorative Oberflächenkunst oder verbinden Sprayarbeiten mit Vandalismus. Die urbane Kunst bewegt sich zwischen diesen Polen. Ein Spannungsfeld,dasdurchFigurenwiedas «Kunstphänomen» Banksy international sichtbar wurde. Wandkunst nur mit Bedacht einsetzen Für Reto Müller ist diese Ambivalenz Teil der aktuellen Debatte. «Ich sehe Potential in Murales. Finde Wandmalerei in domestizierter Formaber auchnichtübermässig interessant». Der öffentliche Raum sei kein neutraler Hintergrund, sondern ein sensibler kultureller Resonanzraum. Dem stimmt der Romanshorner Kulturbeauftragter Stefan Krummenacher zu. Er betont in diesem Zusammenhangdie strategischeBedeutung solcher Projekte. Kunst im öffentlichen Raum solle nicht zufällig entstehen, sondern bewusst Akzente setzen, Aufenthaltsqualität schaffen und den Dialog fördern. Das Stadthaus+sei einBeispieldafür,wie Architektur, Stadtentwicklung und zeitgenössische Kunst zusammenspielen können.
Von Desirée Müller